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Немецкое общественно-политическое издание The European опубликовало мою новую статью, снова поставив ее главным материалом дня. Это второй мой текст в The European и прямое продолжение первого, о Сеуте как испытательном случае территориального захвата. На этот раз речь о том, что события в Сеуте говорят о состоянии НАТО и всей системы коллективной безопасности Запада. Полный текст на немецком языке ниже.

Ist die NATO nur noch ein Geisterbündnis?

Ceuta, Grönland, Nahost und neue Militärpakte samt einer „islamischen NATO": Warum die kollektive Sicherheit des Westens zu zerfallen droht.

Ende Juli überquerten rund 72.000 Menschen von Marokko aus die Grenze nach Ceuta. Für den 15. August kursierten in den sozialen Netzwerken erneut Aufrufe zu einem massenhaften Grenzübertritt auf spanisches Gebiet. Diesmal sperrten die marokkanische Polizei und Gendarmerie Straßen, kontrollierten die Verkehrswege und hielten Menschen bereits auf ihrem Weg nach Norden fest. Eine Wiederholung des Durchbruchs vom Juli blieb aus.

Der 15. August zeigte, wie sehr der Zugang zur europäischen Grenze vom Handeln Rabats abhängt. Wenige Tage zuvor hatte der marokkanische Justizminister Abdellatif Ouahbi erneut erklärt, Ceuta und Melilla seien marokkanisches Land und die Frage ihrer Zugehörigkeit bleibe auf der Tagesordnung der Beziehungen zu Spanien. Madrid antwortete, die Souveränität über beide Städte stehe nicht zur Debatte.

Marokkos Ansprüche auf Ceuta und Melilla bestehen seit Langem. Nun kommt die Erfahrung vom Juli und August hinzu: Rabat erhebt Anspruch auf spanisches Territorium und hat zugleich demonstriert, wie stark es vom Handeln der marokkanischen Behörden abhängt, ob sich riesige Menschenmengen auf diese Grenzen zubewegen können.

In meinem ersten Beitrag für The European habe ich Ceuta als Testfall für eine territoriale Übernahme beschrieben, die mit einem gesteuerten Menschenstrom beginnen kann. Nun führt dieser Fall zu einer umfassenderen Frage: Was ist von Europas System kollektiver Sicherheit geblieben?

Ceuta ist spanisches Staatsgebiet. Dort leben spanische Staatsbürger. Es ist eine Außengrenze der Europäischen Union, die Madrid verteidigen muss.

Stellen wir uns vor, das Lukaschenko-Regime versammelt in Belarus Hunderttausende Menschen und lenkt sie zur polnischen Grenze. Die polnischen Grenzschützer stehen einer gewaltigen unbewaffneten Menschenmenge gegenüber und eröffnen nicht das Feuer. Ein Teil der Menschen durchbricht die Grenze, zieht weiter nach Westen und erreicht schließlich die deutsche Grenze bei Frankfurt an der Oder.

Was sollen polnische und deutsche Grenzschützer tun? Auf eine unbewaffnete Menge schießen? Sie passieren lassen? Mit welchen polizeilichen Mitteln lassen sich Zehntausende oder Hunderttausende Menschen aufhalten?

Nehmen wir an, sie schießen nicht. Der Menschenstrom überquert die deutsche Grenze, erreicht Frankfurt an der Oder und zieht weiter ins Landesinnere.

Niemand hat Deutschland den Krieg erklärt. Die belarussische Armee hat die Grenze nicht überschritten. Doch es ist schwer vorstellbar, dass Berlin, Warschau und die übrigen Verbündeten das Geschehen als gewöhnliche Migrationskrise behandeln würden.

Gerade deshalb ist die Reaktion auf Ceuta so aufschlussreich. Dort überquerte eine gewaltige Menschenmenge die Außengrenze Europas, während der Staat auf der anderen Seite zwei Wochen später demonstrierte, dass er eine neue Menschenmenge, wenn er es will, daran hindern kann, diese Grenze überhaupt zu erreichen.

Wenn erneut 70.000 Menschen nach Ceuta gelangen und diesmal dort bleiben, kann spanisches Territorium besetzt werden, ohne dass ein einziger marokkanischer Soldat die Grenze überschreitet.

Wo war die NATO?

Wo war die NATO? Diese Frage wurde während der Krise in Ceuta kaum gestellt. Spanien verteidigte sein eigenes Territorium, seine Bürger und die Außengrenze der Europäischen Union. Auf der anderen Seite stand ein Staat, der offiziell Anspruch auf dieses Territorium erhebt.

Die NATO hätte Madrid zu Hilfe kommen müssen. Dafür hätte man weder Marokko den Krieg erklären noch Tanger bombardieren müssen. Zwischen Untätigkeit und Krieg liegt ein breites Spektrum möglicher Maßnahmen: dringende Konsultationen, nachrichtendienstliche Unterstützung, verstärkte Überwachung, maritime Präsenz, Verlegung von Kräften, logistische Unterstützung und gemeinsame Übungen.

Der Sinn kollektiver Verteidigung besteht darin, dass ein Staat, der einen Verbündeten unter Druck setzt, hinter ihm das gesamte Bündnis sieht.

Der Nordatlantikvertrag sieht genau für eine solche Lage Instrumente vor. Artikel 4 verlangt Konsultationen, wenn nach Auffassung eines Mitgliedstaates dessen territoriale Unversehrtheit, politische Unabhängigkeit oder Sicherheit bedroht ist. Artikel 5 betrifft den bewaffneten Angriff.

Ceuta hätte zu einer Angelegenheit des gesamten Bündnisses werden müssen, lange bevor sich überhaupt die Frage nach Artikel 5 stellte. Das geschah nicht.

Heute kann ein Staat fremdes Territorium besetzen und dabei den Augenblick möglichst lange hinauszögern, in dem die Außenwelt anerkennt, dass ein Krieg begonnen hat. Russland demonstrierte diesen Mechanismus 2014 auf der Krim. Bewaffnete Männer ohne Hoheitszeichen besetzten Verwaltungsgebäude und militärische Einrichtungen, Moskau bestritt die Anwesenheit russischer Truppen, und während Politiker und Diplomaten noch darüber diskutierten, was genau geschah, ging die Kontrolle über die Halbinsel an Russland über.

Ceuta lässt den nächsten Schritt derselben Logik erkennen. Hier braucht es möglicherweise überhaupt keine „grünen Männchen" mehr. Auch ohne sie können territoriale Tatsachen durch die Bewegung von Zivilisten geschaffen werden.

Spanien, Marokko und Amerika

Rabat besitzt den Status eines Major Non-NATO Ally der Vereinigten Staaten und ist ein wichtiger amerikanischer Militärpartner. Anfang August wurde in Marokko im neuen Africa Multidomain Training and Experimentation Center ein neues Langstreckensystem des amerikanisch-israelischen Unternehmens Covenant Industries erprobt.

Washington garantiert Spaniens Sicherheit innerhalb der NATO und vertieft zugleich seine militärische Zusammenarbeit mit einem Staat, der territoriale Ansprüche gegen Spanien erhebt.

Sollte dieser Konflikt eines Tages in den Einsatz militärischer Gewalt übergehen, könnten amerikanische Waffen und Technologien auf beiden Seiten zum Einsatz kommen.

Doch um die Abschreckung zu schwächen, muss man nicht auf einen Krieg warten. Es genügt, wenn man in Rabat zu kalkulieren beginnt, welche amerikanischen Interessen in Marokko Washington gegen seine Verpflichtungen gegenüber Madrid abwägen würde.

Ein Verteidigungsvertrag besitzt nur so lange Gewicht, wie Verbündete und Gegner davon überzeugt sind, dass er eingehalten wird.

Wenn Verbündete gegeneinander Krieg führen

Die NATO hat bereits einen Krieg zwischen ihren Mitgliedern erlebt. 1974 führte die türkische Invasion Zyperns zu direkten Kampfhandlungen zwischen der türkischen und der griechischen Armee. Nach dem Krieg zog sich Griechenland aus der integrierten Militärstruktur der NATO zurück und kehrte erst 1980 dorthin zurück.

Schon zuvor, 1966, hatte Frankreich unter Charles de Gaulle die integrierte Kommandostruktur verlassen.

Das Bündnis überstand beide Erschütterungen, weil über den internen Konflikten eine gemeinsame Gefahr von weitaus größerer Dimension stand. Die Sowjetunion und der Warschauer Pakt verfügten in Europa über eine solche militärische Macht, dass das Szenario rasch tief nach Westeuropa vorstoßender sowjetischer Panzerarmeen zur Grundlage realer militärischer Planungen gehörte.

Die Griechen konnten die Türkei fürchten. Die Türken konnten Griechenland als Gegner betrachten. Die Franzosen konnten Washington misstrauen. Doch ein Zerfall des westlichen Bündnisses hätte jeden von ihnen der Sowjetunion schutzlos gegenüberstehen lassen.

Vor einigen Jahren war ich in Griechenland und sprach dort mit Politikwissenschaftlern. Ich selbst lebe im Mittelmeerraum, beschäftige mich seit Jahrzehnten mit internationaler Politik und kenne die Türkei gut. Dennoch hatte ich den griechisch-türkischen Konflikt bis zu dieser Reise weitgehend der Geschichte zugerechnet, ähnlich den alten Kriegen Frankreichs gegen Deutschland oder England.

Meine griechischen Gesprächspartner sahen das anders. Über einen möglichen Krieg mit der Türkei sprachen sie als über ein reales sicherheitspolitisches Szenario.

Wenn selbst jemand, der im Mittelmeerraum lebt, unterschätzen kann, wie ernst in Griechenland die Möglichkeit eines Krieges mit der Türkei genommen wird, wie unterschiedlich müssen dann erst die Bedrohungsbilder eines Esten, Spaniers, Isländers, Griechen, Polen oder Türken sein?

Die NATO-Mitglieder sehen ihre wichtigsten Bedrohungen zunehmend unterschiedlich und beginnen deshalb, zusätzliche Sicherheitssysteme für den Kriegsfall aufzubauen.

2021 schloss Griechenland ein separates Verteidigungsabkommen mit Frankreich. Griechenland und Frankreich gehören der NATO an. Auch der Staat, dessen möglicher Krieg mit Griechenland diese zusätzliche Garantie für Athen besonders wichtig macht, gehört der NATO an: die Türkei.

Der Pakt von Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan

Am 7. August 2026 unterzeichneten die Türkei, Saudi-Arabien und Pakistan das Mecca Joint Defence Agreement. Sein Grundsatz ist eindeutig formuliert: Ein bewaffneter Angriff auf einen Teilnehmer gilt als Angriff auf alle. Der türkische Außenminister Hakan Fidan verglich es ausdrücklich mit Artikel 5 der NATO. Pakistan ist eine Atommacht. Der Pakt sieht politische und militärische Koordination, gemeinsame Übungen und eine vertiefte Zusammenarbeit der Rüstungsindustrien vor.

Die Bezeichnung „islamische NATO", die für dieses Bündnis verwendet wird, bringt seine politische Bedeutung treffend zum Ausdruck.

1974 stand über dem griechisch-türkischen Konflikt die gemeinsame sowjetische Bedrohung. Beide Seiten wussten, dass sie sich im Falle eines großen Krieges mit der UdSSR auf derselben Seite der Front wiederfinden würden.

2026 hat sich das Bild umgekehrt. Griechenland ist durch eine gesonderte Verteidigungsgarantie mit Frankreich verbunden. Die Türkei gehört einem Verteidigungsbündnis mit Saudi-Arabien und Pakistan an. Sollten diese Verpflichtungen bei einem neuen griechisch-türkischen Krieg in vollem Umfang wirksam werden, könnte sich ein lokaler Konflikt in einen Krieg zwischen zwei internationalen Koalitionen verwandeln. Auf beiden Seiten stünden Atommächte: Frankreich auf der einen, Pakistan auf der anderen.

Ein Konflikt zwischen zwei NATO-Mitgliedern könnte damit zum Auslöser eines weitaus größeren Krieges werden.

Spanien, Israel und meine eigene Erinnerung

Im September 2025 erklärte Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez, Spanien könne Israel nicht allein „stoppen", um den Krieg in Gaza zu beenden, weil sein Land weder über Atombomben noch über Flugzeugträger oder große Erdölreserven verfüge. Die israelische Regierung wertete seine Worte als Drohung.

Im Kern sprach der Regierungschef eines NATO-Staates über militärische Macht, die Spanien fehle, um einen anderen Staat zu zwingen, sich seinem Willen zu beugen.

Wenden wir denselben Maßstab an wie in anderen Fällen. Stellen wir uns vor, Wladimir Putin würde sagen, Russland fehle es an Flugzeugträgern und Atomwaffen, um Polen oder Deutschland zu stoppen. Niemand in Europa würde darüber als missglückte Metapher diskutieren. Man würde es als Drohung mit militärischer Gewalt verstehen.

Spanien besitzt übrigens die Juan Carlos I, das größte Schiff seiner Marine, das auch in einer Flugzeugträgerkonfiguration eingesetzt werden kann.

Ich bin israelischer Staatsbürger und möchte deshalb wissen: Falls eines Tages spanische Flugzeuge von diesem Schiff starten, um „Israel zu stoppen", also militärische Gewalt gegen mein Land einzusetzen, werden dann deutsche Flugzeuge mit ihnen fliegen? Spanien und Deutschland sind Verbündete.

Und wenn spanische Flugzeuge die Stadt bombardieren, in der ich mit meinen Kindern lebe, ist das für mich Krieg, unabhängig davon, ob ich die Politik der israelischen Regierung unterstütze oder ablehne.

Arabische Terroristen haben bereits auf mich geschossen. Der Übergang von politischer Feindschaft zu physischer Gewalt ist für mich keine Abstraktion.

Hinzu kommt eine sehr viel ältere Erinnerung. 1492 wurden meine Vorfahren aus Spanien vertrieben. Mehr als fünfhundert Jahre später spricht der Nachfolger Ferdinands und Isabellas an der Spitze Spaniens davon, dass seinem Land Flugzeugträger und Atomwaffen fehlen, um Israel zu stoppen, einen Staat, der unter anderem von Nachkommen der aus Spanien vertriebenen Juden aufgebaut wurde.

Deshalb können die Worte von Sánchez in Hamburg oder Reykjavík ganz anders klingen als für mich. Jeder Europäer trägt seine eigene Landkarte der Bedrohungen in sich, geprägt von Geografie, Geschichte und persönlicher Erfahrung.

Ceuta macht dieses Problem noch komplizierter. Marokko und Israel sind durch ein bestehendes Abkommen über militärische Zusammenarbeit miteinander verbunden. Sie arbeiten offen und eng in den Bereichen Verteidigung, Nachrichtendienste, Ausbildung der Streitkräfte und Rüstung zusammen. Faktisch hat sich zwischen beiden Staaten ein militärisches Bündnis entwickelt. Marokko ist zugleich ein wichtiger Militärpartner der Vereinigten Staaten.

Was soll Jerusalem tun, wenn Marokko eine neue hybride Operation gegen Ceuta oder Melilla beginnt, die Lage sich dem Einsatz militärischer Gewalt nähert, Rabat Madrid übermäßige Gewalt gegen Marokkaner vorwirft und Israel als seinen militärischen Partner um Unterstützung bittet?

Spanien gehört der NATO und der Europäischen Union an. Marokko erhebt Anspruch auf spanisches Territorium und ist zugleich durch Verteidigungsabkommen mit Israel und den Vereinigten Staaten verbunden. Israels Beziehungen zur Regierung Sánchez befinden sich in einem Zustand scharfer Konfrontation. Solche sich überschneidenden Verpflichtungen werden immer zahlreicher.

Deutschland und Israel

Für Deutschland haben die Beziehungen zu Israel unmittelbare Bedeutung für die eigene Aufrüstung. Das wichtigste Beispiel ist Arrow 3. Deutschland erwarb das amerikanisch-israelische System zur Abwehr ballistischer Raketen. Im Dezember 2025 wurde Deutschland zum ersten europäischen Land, das Arrow stationierte. Anschließend erweiterten Berlin und Jerusalem den Vertrag um weitere 3,1 Milliarden Dollar. Der Gesamtwert der Vereinbarungen erreichte damit rund 6,7 Milliarden Dollar. Deutschland betrachtet russische Mittelstreckenraketen als eine zentrale Bedrohung für seine Bevölkerung und seine kritische Infrastruktur.

Israelische Technologie spielt auch in anderen Bereichen der deutschen Aufrüstung eine Rolle, darunter Spike/MELLS, unbemannte Systeme und eine Reihe gemeinsamer Verteidigungsprogramme.

Für Berlin reichen die Beziehungen zu Israel längst über historische Verantwortung und Nahostpolitik hinaus. Israel trägt zum Aufbau der deutschen Fähigkeit bei, sich gegen die russische Raketenbedrohung zu verteidigen. Deshalb hat die Frage nach spanischen Flugzeugen, die starten, um „Israel zu stoppen", eine ganz praktische Fortsetzung.

Was tut Deutschland in einem solchen Fall? Spanien ist sein Verbündeter in NATO und EU. Israel ist einer der wichtigsten militärischen Partner Deutschlands, und ein Teil der deutschen Aufrüstung hängt von dieser Zusammenarbeit ab. Die alten Kategorien „Verbündeter" und „Staat außerhalb der NATO" reichen nicht mehr aus, um die reale Landkarte militärischer Abhängigkeiten zu beschreiben.

Amerika ist keine Konstante mehr

Donald Trump hat wiederholt erklärt, die Vereinigten Staaten benötigten die Kontrolle über Grönland, ein Gebiet des Königreichs Dänemark, und er hat den Einsatz von Gewalt zur Erreichung dieses Ziels nicht ausgeschlossen.

Stellen wir uns vor, Wladimir Putin würde Grönland für Russland beanspruchen, seine Übergabe unter russische Kontrolle fordern und den Einsatz der russischen Armee ausdrücklich in Aussicht stellen. In Berlin, Paris und Brüssel würde man dies als Kriegsdrohung gegen einen NATO-Staat bezeichnen.

Genau eine solche Möglichkeit hat der Präsident der stärksten Macht des Bündnisses gegenüber dem Territorium eines eigenen Verbündeten offengelassen.

Einen Monat nach Trumps Rückkehr ins Weiße Haus sprach Vizepräsident J. D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Er erklärte den Europäern, die größte Bedrohung Europas komme von innen, und warf den europäischen Regierungen vor, sich von grundlegenden Werten zu entfernen.

Vier Jahre zuvor hatte Joe Biden von derselben Bühne aus über gemeinsame demokratische Werte und die Unerschütterlichkeit der amerikanischen Verpflichtungen aus Artikel 5 gesprochen.

Hinter diesen Reden steht eine Veränderung der amerikanischen Politik, die Europa nicht mehr auf die Persönlichkeit eines einzelnen Präsidenten reduzieren kann.

Auf republikanischer Seite gehört J. D. Vance heute zu den wichtigsten möglichen politischen Erben Trumps. Marco Rubio steht für eine andere Richtung, doch mit einer automatischen Rückkehr zum republikanischen Atlantizismus der Ära Reagan oder Bush kann nicht gerechnet werden. Auch am progressiven linken Flügel der Demokratischen Partei gewinnen Politiker an Einfluss, die den traditionellen militärischen Verpflichtungen der Vereinigten Staaten deutlich skeptischer gegenüberstehen.

Das europäische Problem heißt deshalb längst nicht mehr nur „Trump". Der nächste Präsident könnte zur traditionellen atlantischen Rhetorik zurückkehren. Vier oder acht Jahre später kann sich die amerikanische Politik erneut verändern.

Raketenabwehrsysteme, Flotten, Divisionen, Militärbasen und nukleare Abschreckung werden für Jahrzehnte geplant. Sie lassen sich nicht nach jeder amerikanischen Wahl neu aufstellen.

Jahrzehntelang war Washington für die europäische Verteidigungsplanung eine Konstante. Amerikanische Regierungen wechselten, schwere politische Konflikte entstanden, doch die Europäer gingen von der Beständigkeit der amerikanischen Verpflichtung zur Verteidigung Europas aus.

Diese Gewissheit gibt es nicht mehr. Grönland hat gezeigt, dass ein amerikanischer Präsident das Territorium eines Verbündeten als Objekt eigener geopolitischer Erwerbsinteressen betrachten kann. Vances Münchner Rede hat gezeigt, dass eine amerikanische Regierung selbst die Wertegemeinschaft infrage stellen kann, die der Nordatlantikvertrag zu einer Grundlage des Bündnisses erklärt.

Um Abschreckung zu zerstören, müssen die Vereinigten Staaten die NATO nicht formell verlassen. Es genügt, wenn weder ein europäischer Verbündeter noch ein potenzieller Gegner im Voraus wissen kann, welchem Amerika er im Augenblick der Krise begegnen wird.

Das Geisterbündnis

Die NATO-Mitglieder schaffen zusätzliche Garantien, treten in parallele Systeme militärischer Verpflichtungen ein und entwickeln eigene Verteidigungsplanungen.

Für Estland hängt Sicherheit davon ab, ob ein russischer Angriff auf Narva in Ottawa, Warschau, Brüssel, Rom, Washington, Athen, Istanbul und Madrid unverzüglich als Angriff auf den eigenen Raum verstanden wird.

Für Spanien hängt Sicherheit davon ab, ob eine Übernahme Ceutas, gleichgültig ob in hybrider oder militärischer Form, in Ottawa, Warschau, Brüssel, Rom, Washington, Athen, Istanbul und Tallinn als eigenes Problem verstanden wird.

Griechenland und die Türkei müssen wissen, was Frankreich im Falle eines militärischen Zusammenstoßes zwischen ihnen tun wird.

Die Türkei hat zusätzliche Verbündete, die ihr militärischen Beistand zugesagt haben, und ist ihrerseits militärische Verpflichtungen ihnen gegenüber eingegangen.

Deutschland muss seine Verteidigung gegen Russland aufbauen und zugleich seine Beziehungen zu Israel berücksichtigen, von dem es militärische Technologien von entscheidender Bedeutung bezieht.

Die Vereinigten Staaten müssen gleichzeitig mit China konkurrieren, Europas Sicherheit gewährleisten, Marokko bewaffnen, mit der Türkei zusammenarbeiten und innenpolitisch entscheiden, welche ihrer alten Verpflichtungen Amerika weiterhin als die eigenen betrachtet.

Das alte europäische Sicherheitssystem verlangt, dass ein Este, ein Spanier, ein Grieche, ein Türke, ein Deutscher, ein Kanadier und ein Amerikaner im Augenblick wirklicher Gefahr dieselbe Antwort auf eine einzige Frage geben: Wann und für wen bin ich bereit zu kämpfen?

Solange es diese Antwort nicht gibt, ist das Nordatlantische Bündnis ein Geisterbündnis. Natürlich können seine bürokratischen Institutionen diesen Zustand noch Jahrzehnte überdauern. Doch der reale Inhalt eines Militärbündnisses verschwindet, wenn Staaten ihr eigenes Überleben auf die Überzeugung gründen, dass im entscheidenden Augenblick jeder zuerst auf sich selbst zählen muss.

In der NATO stirbt jeder für sich.

https://www.theeuropean.de/politik/was-ceuta-fuer-die-zukunft-der-nato-bedeutet

Was Ceuta für die Zukunft der NATO bedeutet
Was Ceuta für die Zukunft der NATO bedeutet: Ist die NATO nur noch ein Geisterbündnis? Ceuta, Grönland, Nahost und neue …
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