В немецком The European вышла моя новая статья «Das ist nicht 1932, sondern 1096» - «Это не 1932-й, а 1096-й».
Когда в Германии говорят об антисемитизме, почти неизбежно вспоминают 1930-е годы. Я думаю, эта историческая аналогия сегодня уже мешает увидеть происходящее.
Евреи снова оказываются перед очень старым вопросом: может ли государство их защитить? В средневековой Европе ответ слишком часто зависел от того, насколько сильна власть и способна ли она удерживать улицу. Именно поэтому для понимания нынешней Германии 1096 год может оказаться важнее 1932-го.
Wir erleben nicht 1932 – sondern ein erneutes 1096
01. Oktober 2026 | Avraham Shmulevich
Juden müssen in etlichen deutschen Stadtteilen überlegen, ob sie auf der Straße die Kippa tragen. Das wird verglichen mit dem Vorabend des Nationalsozialismus. Aber es ähnelt eher der Relativierung staatlicher Macht im Mittelalter
Ein historischer Holzstich zeigt Bischof Johann von Speyer, der verfolgten Juden Schutz gewährt. Die Szene bezieht sich auf die antijüdischen Pogrome während des Ersten Kreuzzugs 1096/97. Foto: Picture Alliance
Bischof Johann von Speyer gewährt verfolgten Juden während der Pogrome zur Zeit des Ersten Kreuzzugs 1096/97 Schutz. Holzstich von Friedrich Hottenroth, um 1880. Foto: Picture Alliance
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VON AVRAHAM SHMULEVICH
Es gibt Dinge, die so vertraut werden, dass wir aufhören, ihre Ungeheuerlichkeit wahrzunehmen.
Ein Polizeiwagen vor einer Synagoge in Deutschland ist längst Teil des Stadtbildes geworden. Betonbarrieren, Kameras, Wachschutz, verschlossene Türen. Eine jüdische Schule innerhalb eines geschützten Perimeters. Ein Mensch, der vor dem Hinausgehen entscheidet, ob er die Kippa auf dem Kopf lässt oder sie in die Tasche steckt.
Ich kenne Menschen, die die Kippa abnehmen und einen Anhänger mit dem Davidstern verstecken, wenn sie auf die Straße gehen, die sich zuerst umsehen und erst danach entscheiden, ob sie Hebräisch sprechen können. Ich kenne Israelis, die auf eine Reise nach Deutschland verzichtet und andere Länder gewählt haben, gerade weil sie nicht über ihre eigene Sicherheit nachdenken wollten. Ich weiß, welche Warnungen Israelis erhalten, wenn sie nach Westeuropa reisen. Ich kenne europäische Juden, die nach Israel ziehen, und höre, wie sie ihren Alltag im Land des Exodus beschreiben.
Von einigen von ihnen habe ich gehört, dass heute in Deutschland, ja in ganz Westeuropa, das Jahr 1932 sei, genau so empfinden sie ihre Sicherheit.
Mir persönlich scheint, dass sie sich beim Vergleich der Epochen irren. Aber ich verstehe, was sie fühlen, wie ein Jude in Deutschland die Situation empfindet, ich verstehe, wie deutsche Juden damit leben.
Ich würde gern verstehen, wie die nicht-jüdischen Deutschen in Deutschland damit leben. Ich weiß, warum ein Jude die Kippa abnimmt. Mich interessiert der Deutsche, der sieht, wie ein Jude sie abnimmt.
Wie ist es, in einem Land zu leben, in dem der Staat die Religionsfreiheit garantiert, aber zur Verwirklichung dieser Freiheit gezwungen ist, einen bewaffneten Polizisten vor die Tür einer Synagoge zu stellen?
Wie ist es, jeden Tag an diesem Polizisten vorbeizugehen und nach einiger Zeit aufzuhören, ihn wahrzunehmen?
Und was genau ist mit Deutschland geschehen, wenn eines der mächtigsten, reichsten, am besten organisierten und am stärksten regulierten Länder Europas nicht nur gezwungen ist, seine jüdischen Bürger ständig vor Gewalt zu schützen, sondern dies zuverlässig nur innerhalb einer befestigten Insel der Sicherheit tun kann?
Zwei Geschichten aus der Geschichte
Ich möchte zwei Geschichten erzählen.
Erstens: In der Nacht vom 5. auf den 6. September 1939, wenige Tage nach Beginn des deutschen Einmarsches in Polen, erschossen in der Kleinstadt Krasnosielc Angehörige der SS-Panzer-Division "Kempf" unter dem Kommando eines SS-Sturmmanns aus dem Artillerieregiment der Division Kempf und eines Angehörigen der deutschen Feldpolizei 50 Juden.
Bereits am 6. September, am Tag nach dem Mord, wurden die Hauptschuldigen von einem Feldgericht abgeurteilt. Der SS-Mann erhielt drei Jahre Haft, der Polizist neun Jahre Zuchthaus. Die Staatsanwaltschaft forderte die Todesstrafe. Der Befehlshaber der 3. Armee hielt die ursprünglichen Urteile für lächerlich milde und setzte sich für eine Revision ein. (Das erhalten gebliebene Dokument vom 14. September 1939 hält dieses Verfahren fest und gelangte bis zum Nürnberger Tribunal.)
Selbstverständlich blieb der nationalsozialistische Staat ein nationalsozialistischer Staat, zu dessen Hauptzielen gerade die physische Vernichtung der Juden war.
Zwei Wochen nach diesem Prozess, am 21. September, hielt Reinhard Heydrich eine Besprechung mit den Leitern der Einsatzgruppen und der Sicherheitspolizei ab, auf der das Verfahren für die Konzentration der jüdischen Bevölkerung, die Einrichtung von Judenräten und künftige Deportationen festgelegt wurde. Drei Wochen später, am 28. September 1939, wurden alle noch verbliebenen Juden von Krasnosielc von denselben Einheiten der deutschen Armee aus der Kleinstadt geholt und der größte Teil von ihnen wurde bald darauf ermordet.
Aber die Logik des Staates war klar: Gewalt übt nur derjenige aus, dem der Staat erlaubt, sie auszuüben. Die wichtigste Errungenschaft des Staates der Neuzeit war das Monopol auf die Kontrolle über die soziale Ordnung innerhalb der Grenzen dieses Staates.
Der nationalsozialistische Staat war verbrecherisch. Aber selbst ein verbrecherischer Staat war im Chaos der ersten Kriegstage in der Lage, dieses sein Monopol aufs Strengste zu schützen.
Pogrome der Kreuzzügler
Die zweite Geschichte: Das Jahr 1096. Durch die Städte am Rhein ziehen die Truppen des Ersten Kreuzzugs. Sie ziehen aus, um das Heilige Grab in Jerusalem zu befreien, entdecken die Feinde Christi aber viel näher: die Juden der deutschen Städte.
In Speyer griffen die Kreuzfahrer und die Menge, die sich ihnen angeschlossen hatte, die Juden an und töteten elf Menschen. Bischof Johann griff ein, beendete das Pogrom, brachte die verbliebenen Juden in Sicherheit und bestrafte einige der Mörder.
In Worms geschah es anders. Die Kreuzfahrer und die Bürger, die sich ihnen angeschlossen hatten, begannen, Juden zu töten. Ein Teil der Gemeinde suchte Zuflucht in der Residenz des Bischofs. Die Pogromteilnehmer stürmten sie. Die dort Schutz Suchenden wurden niedergemetzelt. Viele zogen den Tod einer Zwangstaufe vor. Etwa achthundert Menschen kamen ums Leben.
Dann war Mainz an der Reihe. Kaiser Heinrich IV. hatte angeordnet, die Juden zu schützen. Sie suchten beim Erzbischof Zuflucht. Als sich ein Trupp von Kreuzfahrern der Stadt näherte, öffnete ein Teil der Bürger ihnen die Tore. Die Juden versuchten, sich zu verteidigen. Der Erzbischof floh. Mehr als tausend Menschen wurden getötet oder nahmen sich das Leben, um einer Zwangstaufe zu entgehen.
Drei benachbarte deutsche Städte. In einer konnte die Macht die Juden schützen. In einer anderen erreichte die Menge sie innerhalb der bischöflichen Residenz. In der dritten musste sich der Erzbischof selbst retten.
Die Macht existierte, besaß aber kein Monopol auf die soziale Ordnung. Das Gesetz konnte das eine sagen, das reale Kräfteverhältnis auf der Straße sagte etwas anderes. Der damalige deutsche Staat wollte die Juden schützen. Die damalige deutsche Straße sagte: Nein.
Wenn die Straße dem Staat widerspricht
Und nun schauen wir wieder darauf, was heute in Deutschland geschieht. Der Staat sagt: Es ist erlaubt. Die Straße antwortet: Nein.
Das gilt nicht für Deutschland insgesamt. Aber gerade in bestimmten Teilen vor allem deutscher Großstädte hat sich diese Tendenz über die letzten Jahre manifestiert.
Der moderne Deutsche lebt in einem der institutionell am weitesten entwickelten Staaten der Welt. Er zahlt hohe Steuern. Der Staat reguliert den Bau seines Hauses, die Energieversorgung, die Bildung seiner Kinder, die Arbeitsbeziehungen, Bankgeschäfte, sein Auto, Umweltstandards, den Umgang mit personenbezogenen Daten. Er hat Polizei, Nachrichtendienste, Gerichte, Staatsanwaltschaft, Verfassungsschutz und einen gewaltigen Verwaltungsapparat.
Und es ist schwer, sich eine Gruppe vorzustellen, zu deren Schutz der moderne deutsche Staat stärker motiviert wäre als zum Schutz der Juden. Dahinter stehen der Holocaust, die historische Verantwortung der Bundesrepublik, die Erinnerungskultur, die Beziehungen zu Israel, die Staatsräson, das Strafrecht, die Polizei, besondere staatliche Programme, praktisch der gesamte moralische Konsens des Nachkriegsdeutschlands.
Landkarte ungleicher Freiheiten
Der deutsche Staat sagt dem deutschen Juden: Du kannst eine Kippa tragen, für mich ist es sehr wichtig, dass du eine Kippa tragen kannst, ich werde Polizisten schicken, ich werde Soldaten schicken, ich werde dem Verfassungsschutz befehlen, dafür zu sorgen, dass du eine Kippa tragen kannst, ich werde dafür Haushaltsmittel bereitstellen, ich werde diese Frage in einer Sitzung des Bundestages, in einer Sitzung der Regierung aufwerfen, ich werde eine Kommission einsetzen, sogar zwei Kommissionen, sogar drei Kommissionen, ich werde einen Sonderbeauftragten ernennen, nur damit du auf der Straße eine Kippa tragen kannst.
Und die deutsche Straße sagt: NEIN.
Der deutsche Jude hört beiden zu. Und wenn er auf die Straße geht, nimmt er die Kippa ab. Der moderne Staat wurde nicht geschaffen, um die Sicherheit einzelner Festungen zu gewährleisten. Seine große historische Errungenschaft war die Schaffung eines einheitlichen Rechtsraums.
Wenn die Verfassung die Religionsfreiheit garantiert, muss diese Freiheit nicht nur innerhalb eines Gebäudes bestehen, das von der Polizei bewacht wird. Doch heute entsteht innerhalb eines rechtlich einheitlichen Territoriums eine andere Karte Deutschlands, eine Landkarte ungleicher Freiheit. Hier kann man so aussehen, wie man will, aber dort sollte man besser nicht zeigen, wer man ist. Hier kann man in seiner eigenen Sprache sprechen, und einige Straßen weiter ist es vernünftiger, zu einer anderen überzugehen. Es gibt Orte, an die bestimmte Gruppen nur unter Polizeischutz kommen können, und Orte, an die man besser überhaupt nicht geht.
Die Staatsgrenze hat sich nirgendwo verschoben. Das Gesetz gilt im gesamten Staatsgebiet. Aber sozial beginnt dieser Raum bereits, in Bereiche zu zerfallen, in denen unterschiedliche Grenzen des Zulässigen und unterschiedliche Quellen realer Macht existieren. Genau so war der Raum einer mittelalterlichen Stadt organisiert.
Das Neue Mittelalter
Europa fürchtet eine Wiederholung der Vergangenheit. Es fürchtet, dass eine Regierung kommen wird, die Rechte, Gleichheit vor dem Gesetz, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und andere Errungenschaften der Neuzeit wegnimmt. Aber all das kann auch auf andere Weise verschwinden: Das soziale Gefüge des Staates zerfällt einfach.
Seit mehreren Jahrzehnten sprechen Politikwissenschaftler von einem möglichen "Neuen Mittelalter". Der australische Politikwissenschaftler und einer der bedeutendsten Theoretiker der Internationalen Beziehungen Hedley Bull bezeichnete bereits 1977 in seinem Buch The Anarchical Society: A Study of Order in World Politics eine mögliche künftige Ordnung der Welt als "Neues Mittelalter". Ihr Hauptmerkmal war nicht die Rückkehr von Rittern, Religion oder Feudalismus, sondern das Verschwinden der Ausschließlichkeit staatlicher Macht.
Der mittelalterliche Mensch stand gleichzeitig unter der Herrschaft mehrerer Zentren, deren Zuständigkeiten sich überschnitten und deren Forderungen einander widersprechen konnten. Bull nannte dies overlapping authority and multiple loyalty.
Bull suchte die Anzeichen des Neuen Mittelalters vor allem in der Struktur des internationalen Systems. Doch vielleicht muss man näher hinschauen.
Es beginnt in dem Moment, in dem es für den Bewohner einer modernen europäischen Stadt nicht mehr genügt zu wissen, was der Staat ihm erlaubt. Bevor er von seinem gesetzlichen Recht Gebrauch macht, muss er herausfinden, was andere Kräfte, die auf demselben Territorium handeln, ihm erlauben werden.
Eine alte politische Logik kehrt zurück: Die konkrete Sicherheit und die Handlungsfreiheit eines Menschen hängen wieder in immer stärkerem Maße davon ab, welcher Gemeinschaft er angehört, in welchem sozialen Raum er sich befindet und welches lokale Kräfteverhältnis sich dort herausgebildet hat. Und unmerklich ist der Schatten dieses Neuen Mittelalters bereits auf den Straßen europäischer Städte erschienen.
Bislang werden diese Anzeichen des Auftretens des Neuen Mittelalters nicht wahrgenommen, höchstwahrscheinlich deshalb, weil sein Schatten vor allem auf Juden fällt.
Antisemitismus wird heute gern in einen allgemeinen Katalog des Hasses eingeordnet: Rassismus, Islamophobie, Homophobie, Antisemitismus. So entsteht eine Reihe sozialer Pathologien, die verschiedene Minderheiten ungefähr gleichermaßen bedrohen.
Aber gehen Sie auf eine deutsche Straße hinaus. Eine muslimische Frau kann dort im Hidschab gehen. Das ist ein völlig gewöhnlicher Teil des deutschen Stadtbildes. Und ein Jude wägt ab, ob er eine Kippa trägt.
Doch die Geschichte zeigt, wie, und die Theologie erklärt, warum Probleme, die anfangs nur eine einzelne Gruppe, in diesem Fall Juden betreffen, mit der Zeit zu Problemen aller werden.
Was fühlt der nicht-jüdische Deutsche? Er geht morgens an einer Synagoge vorbei. Dort steht ein Polizeiwagen. Morgen wird er wieder dort stehen. Bald nimmt er ihn schon nicht mehr wahr.
Darin besteht eine der Besonderheiten großer historischer Veränderungen. Sie kündigen ihr Kommen selten an. Die Anomalie von gestern wird zum Ärgernis von heute, dann zur Gewohnheit, dann zu einem Teil der Landschaft.
Kehren wir zu meiner Frage zurück: Was fühlt der Deutsche in dieser Situation? Versteht er, dass er, wenn er aufhört, den Polizeiwagen vor der Synagoge wahrzunehmen, Gefahr läuft, den Moment nicht zu bemerken, in dem er sich in einer anderen Epoche wiederfindet?